Theaterfestival Schwindelfrei, Circo©Lys Y. Seng

Theaterfestival Schwindelfrei – Review

Kunst und Kultur

Seid ihr schwindelfrei? Ich bin es. Das dachte ich jedenfalls bis zum 28. Juni, dem Eröffnungstag des viertägigen Theaterfestival Schwindelfrei. Am Anfang stand ein freundliches Logo in warmen Farben. Zwei Theaterparcours, die eine Menge spannender Performances und Gespräche versprachen. Das EinTanzHaus, eine ehemalige Kirche mitten in den Quadraten, als Festivalzentrum. Das Konzept machte mich neugierig – und am Ende hatte mich die Kunst so emotional aufgerüttelt wie seit langem nicht mehr.

Theaterfestival Schwindelfrei, Mumuvitch Disko Orkestar ©Lys Y. Seng© Lys Y. Seng


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Die sechste Ausgabe des Festivals steht unter dem Motto „Performing Privilege“: Es geht um Diversität, Inklusion, Sexismus und Rassismus – und eben um Privilegien, deren Darstellung und Sichtbarmachung. Besucher und Besucherinnen entscheiden sich pro Abend für einen der zwei Theaterparcours, geführte Rundgänge, die jeweils zu den über Innenstadt und Jungbusch verteilten Spielstätten geleiteten. Jeder Parcours beinhaltet drei Performances à 20 Minuten.

Theaterfestival Schwindelfrei, Eröffnung ©Lys Y. Seng© Lys Y. Seng

Bevor ich mich am Eröffnungsabend einem Parcours anschließe, lehne ich an einen der Paletten-Tische vor dem EinTanzHaus. Neben mir ein Mann, rauchend, dem sich ein junger Herr mit Blumentopf in der Hand nähert. „Wir haben heute ein besonderes Schmankerl für Menschen wie Sie, die komplett in Schwarz gekleidet sind“, sagt er zu ihm. „Sie dürfen sich ein Wort aus meinem Töpfchen ziehen, bei der Magnetic Poetry Wall mitmachen und mit ihrem und den anderen Wörtern an der Wall Sätze bilden.“ Das klingt lustig. Der Herr in Schwarz freut sich, alle anderen am Tisch sind insgeheim ein bisschen neidisch und ich bekomme einen ersten Vorgeschmack auf das Thema Privilegien.

Theaterfestival Schwindelfrei, Gruppenfoto ©Lys Y. Seng© Lys Y. Seng

Der erste Parcours führt zum Theaterhaus G7, wo Lea Aderjan und Karoline Vogt gemeinsam mit dem Vesperkirchenchor die Geschichten der Sänger und Sängerinnen inszenieren. „Nur mein Leben“ lautet der Titel der Kurzperformance. Die Stories sind schockierend, unfair, aber auch hoffnungsvoll schön. „Was zum Essen und ein Dach überm Kopf, mehr brauch ich nicht. Mein Privileg ist die Zeit.“ Zweite Station der Tour: Die Tiefgarage in H6, stickig dunkel und hallend. Bei der audiovisuellen Inszenierung „You Drive Me Crazy“ steht sehr passend das Statussymbol Auto im Mittelpunkt, während eine Stimme aus dem Off Erinnerungen aus der Jugend erzählt, Poser-Autos und Proleten dargestellt werden.

Theaterfestival Schwindelfrei, Soft variations ©Lys Y. Seng© Lys Y. Seng

Besonders berührt hat mich bei Theaterparcours 1 aber vor allem die Tanzperformance der finnischen Choreografin Sonya Lindfors, die mit einer Gruppe aus professionellen und nicht-professionellen Darstellern und Darstellerinnen im EinTanzHaus ganz sanft und leise, aber dennoch sehr kraftvoll und stark das Anders-Aussehen erörterte. Warum? Weil ich einige Dinge aus dieser Erörterung selbst schon am eigenen Leibe erlebt habe. „Eigentlich wollten wir ja die Menschen erreichen, die nicht wissen, wie wir uns manchmal fühlen als Dunkelhäutige, die trotzdem Pälzer sind“, sagt mir eine der Tänzerinnen nach der Performance bei einer Rieslingschorle. Mindestens genauso krass ist die Performance aber auch für „die Anderen“ im Publikum, die sich die Tränen an vielen Stellen nicht verkneifen können.

Theaterfestival Schwindelfrei, Race©Lys Y. Seng

© Lys Y. Seng

Der Start des zweiten Parcours fühlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Die Tanzperformance „Circo“ gleicht einer Game Show, bei der das Publikum durch Fähnchen abstimmt, wer am besten getanzt hat – und so makabere Teilhabe ausübt, während Oliver Jaksch als Moderator des Schauspiels Tänzerinnen und Tänzer erniedrigt, demütigt und sexuell belästigt. Diese Aufführung hat gesessen: Schnell vergeht uns das Lachen; zur nächsten Spielstätte im Jungbusch bricht die gesamte Gruppe verstört und nachdenklich auf.

Theaterfestival Schwindelfrei, Unperforming ©Lys Y. Seng© Lys Y. Seng

Licht und Schatten, hell und dunkel – das erwartet uns auch im zeitraumexit in der Hafenstraße. Dort fragen zwei weiße Schauspielerinnen im Sportoutfit bei „#Race“ nach Identität und Political Correctness, während im Hintergrund ein Video von Rachel Dolezal an die Wand projiziert wird. Der Projektor spielt auch bei „Unperforming“ ein Zimmer weiter eine wichtige Rolle. Denn Künstlerin Azade Shahmiri aus Teheran spielt mit gängigen Vorstellungen über klassische Theaterperformances. Sehr poetisch, in einem abgedunkelten Raum, in dem das Publikum sich frei bewegen kann und sich die Privilegien des Sehens und Gesehen-Werdens konsequent und stetig wandeln.

Theaterfestival Schwindelfrei, Terrorchicks ©Lys Y. Seng© Lys Y. Seng

Nach den Aufführungen treffen sich Publikum und Darstellende gleichermaßen wieder am Festivalzentrum, wo jeder Abend mit einem kleinen Konzert schließt. Gespräche werden geführt, es wird gelacht, es wird getanzt, es wird vor allem viel reflektiert. Was bleibt, sind ganz viele Fragen, über die ich in den nächsten Wochen und Monaten nachgrübeln muss. Und die kleinen Feuer, die die Künstlerinnen und Künstler während des Theaterfestivals entfacht haben. Mit verstörend schönen Performances, die keinen kalt gelassen haben.

Weitere Impressionen und Informationen unter www.theaterfestival-schwindelfrei.de.